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Strom

Diese Länder sind 100 Prozent erneuerbar

27. Oktober 2022

von Anne Härtling

Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist in Deutschland aktuell so wichtig wie noch nie. Doch unsere Energieversorgung bekommt es nun zu spüren, dass der dringend benötigte Ausbau jahrelang auf die lange Bank geschoben wurde. Weltweit gibt es allerdings bereits Positivbeispiele, die schon heute (nahezu) ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen.

Zu den erneuerbaren Energien zählt Strom aus Wasser- und Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse, Abfall, Geothermie sowie Wellen- und Gezeitenkraftwerken. Staaten, die auf die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien setzen, tun nicht nur etwas für ihren ökologischen Fußabdruck, sondern machen sich so auch unabhängig von Energieimporten aus dem Ausland. Deutschland und die Europäische Union (EU) stehen derzeit vor eben diesem Problem: Angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine möchte die EU weniger Gas und Öl aus Russland kaufen und auch Russland hat als Druckmittel die Energieexporte aus dem Land drastisch reduziert. Das Fehlen fossiler Energieträger kann derzeit noch nicht durch erneuerbare Energien ausgeglichen werden. Andere Länder sind da schon einige Schritte weiter.

Musterbeispiel Bhutan

Der kleine Staat im Himalaya-Gebirge erzeugt für seine knapp 800.000 Einwohner 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen. Dazu nutzt Bhutan Wasserkraftwerke. Nur ein Bruchteil der Energie wird durch Solar- und Windenergie erzeugt, weil diese Technologien bisher noch zu teuer für das arme Land sind.

Bhutan nutzt bisher weniger als 10 Prozent des möglichen Wasserkraft-Potenzials aus und kann dennoch das gesamte Land versorgen und große Strommengen an das Nachbarland Indien exportieren. Der Stromexport ist neben dem Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen für das Königreich. Ein weiterer Ausbau der Wasserkraft ist für Bhutan also unerlässlich für ein wirtschaftliches Wachstum.

Die Besonderheit in Bhutan: Umweltschutz ist in der Verfassung verankert und genießt einen so hohen Stellenwert, dass alle wirtschaftlichen Unternehmungen im Land dem Umweltschutz unterzuordnen sind. Die Verfassung sieht außerdem vor, dass 60 Prozent des Landes mit Wald bedeckt bleiben müssen, was Wasserkraft zur einzigen expansionsfähigen nachhaltigen Ressource des Landes macht. Dem Wald ist es aber auch zu verdanken, dass Bhutan bereits seit mehreren Jahren nicht nur klimaneutral ist, sondern sogar eine negative Treibhausgas-Bilanz vorzuweisen hat. Die Wälder im Land nehmen dreimal so viel CO2 auf, wie der kleine Staat emittiert.

Paraguay

Auch Paraguay steht auf der Liste umweltfreundlicher Länder ganz oben. Das Land in Südamerika produziert Strom aus Wasserkraft für die staatliche Stromversorgung und exportiert diesen Strom zusätzlich.

Hauptsächlich zwei große Wasserkraftwerke versorgen das Land mit Strom. Das Problem dabei: Die Wasserkraftwerke liegen am selben Fluss, was die Stromversorgung in hohem Maße von diesem Fluss abhängig macht. Wasser ist im Gegensatz zu Sonne oder Wind angesichts der Klimakrise eine endliche Ressource. Sinkt der Wasserstand des Flusses als Folge der Klimaveränderungen deutlich ab, hätte das enormen Einfluss auf die Stromproduktion.

Vorreiter in Europa: Albanien

In Europa hat Albanien mit 100 Prozent erneuerbarem Strom die Nase vorn. Ein Großteil des Stroms wird aus Wasserkraft gewonnen, ein kleinerer Teil wird mittels Solarenergie erzeugt. Albanien steht heute so gut da, weil es niemals damit begann, Kohle- oder Atomkraftwerke zu errichten, die in der Energiewende nun abgeschaltet und umgerüstet werden müssten. Man wirtschaftete schon früh mit dem was man hatte: Sonne und Wasser. Um das Land unabhängig mit Energie versorgen zu können und auf Energieimporte aus dem Ausland verzichten zu können, lagen hier bereits vor Jahren die erneuerbaren Energien nahe. Nun profitiert das Land von diesem Schritt.

Auch hier ist aber das Problem, dass die Klimakrise die Gewässer bedroht und angesichts der Endlichkeit der Ressourcen die Stromproduktion aus Wasserkraft größeren Gefahren ausgesetzt ist.

Island: Standortvorteil der Vulkaninsel

Island deckt mit über 99 Prozent nahezu den gesamten Energiebedarf des Landes aus erneuerbaren Energiequellen. Dabei nutzt der Inselstaat bereits seit vielen Jahren die geothermalen Gegebenheiten: 65 Prozent des Primärenergiebedarfs kann das Land aus Erdwärme decken. Dazu zählen sowohl die Stromproduktion als auch Wärme- und Warmwasserproduktion.

Wegen der geografischen Lage des Landes kann Erdwärme besonders effizient genutzt werden. 90 Prozent aller isländischen Haushalte werden aus der Geothermie mit Wärme und Warmwasser versorgt. Zusätzlich gibt es 8 Geothermie-Kraftwerke, die Strom für die Insel erzeugen.

Der im Land produzierte Strom ist aber insgesamt nur zu 30 Prozent aus Erdwärme gewonnen – diese wird also vor allem zum Heizen verwendet. 70 Prozent des Stroms werden in Island über Wasserkraft gewonnen. Damit ist das Land bezüglich seines kompletten Energiebedarfs unabhängig von anderen Staaten und Energieimporten.

Norwegen

Das skandinavische Land ist auch weit oben auf der Liste angesiedelt: Mit etwa 99 Prozent erneuerbarer Stromproduktion ist Norwegen weitestgehend unabhängig. Auch hier spielt Wasser eine wichtige Rolle, denn etwa 90 Prozent des im Land produzierten Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Der nächstgrößere Stromproduzent ist Windkraft, aber lediglich mit etwa 7 Prozent.

Norwegen dürfte besonders in Mitteleuropa bei vielen Verbrauchern für die Wasserkraftwerke bekannt sein, denn wer sich schon einmal mit Ökostrom auseinandergesetzt hat, weiß, dass Norwegen viele Ökostromzertifikate an den Rest Europas verkauft. Bei Strom aus erneuerbaren Quellen darf das Zertifikat über die klimafreundliche Herkunft unabhängig vom Strom selbst verkauft werden.

Die Folge: Der in Norwegen produzierte und verwendete Strom darf dort nicht mehr als Grünstrom vermarktet werden, obwohl er 100 Prozent erneuerbar ist, und Graustrom, zum Beispiel aus deutschen Kohlekraftwerken, darf als Ökostrom gelabelt und verkauft werden. Der Handel mit den sogenannten Herkunftsnachweisen ist daher alles andere als unumstritten.